Hintergrund & Ziele

Als Initiatorinnen der Initiative „Schule – Rassismus – Stadt“ beschäftigen wir uns auf vielfältige Weise mit Rassismus- und Diskriminierungsverhältnissen im Kontext der Schule – sei es im Rahmen wissenschaftlicher Forschung, politischer Gremien- und Bildungsarbeit sowie Fortbildungen für Multiplikator_innen oder in alltäglichen Auseinandersetzungen in unserem Lebensumfeld in Berlin. In zahlreichen Gesprächen, die wir in diesen Zusammenhängen mit Eltern, Pädagog_innen, Jugendlichen, Migrantenorganisationen, Behördenmitarbeiter_innen und lokalen Politiker_innen geführt haben, ist uns unter anderem Folgendes aufgefallen:

  • Ungleichheitsverhältnisse wie beispielsweise das unterschiedliche Abschneiden von Schüler_innen in der Schule werden häufig allein über die vermeintlich andere ‚Kultur’, ‚Nation’, ‚Religion’ oder den ‚sozialen Hintergrund’ von bestimmen Schüler_innen erklärt. Daran gekoppelt sind meist stereotype Vorstellungen von Familien, denen ein ‚Migrationshintergrund’ zugeschrieben wird. Diese werden häufig per se als ‚bildungsfern’ oder ‚nicht an Schule interessiert’ stigmatisiert. Solche individualisierenden und kulturalisierenden Sichtweisen haben zur Folge, dass Diskriminierung und Rassismus in Schule und Sozialraum nur selten herangezogen werden, um lokale und globale Ungleichheitsverhältnisse zu erklären.
  • Wenn von Diskriminierung und Rassismus gesprochen wird, herrscht oft ein enges Verständnis hiervon vor. Es wird davon ausgegangen, dass sich Diskriminierung und Rassismus ausschließlich in Form unmittelbarer Handlungen und Einstellungen einzelner Personen – wie z.B. von Lehrkräften, Mitschüler_innen oder Mitarbeitenden von Ämtern – äußert. Dabei fällt es schwer sich vorzustellen, dass nicht nur einzelne Personen diskriminierend sprechen, denken und handeln können, sondern auch die Organisation des Schulsystems, bestimmte Rechtsvorgaben, die Politik, Behörden, institutionelle Regelungen und Verfahren etc. diskriminierend sein bzw. wirken können. Solche politisch-institutionellen Strukturen bleiben gleichsam wie dominante Diskurse, asymmetrische Machtverhältnisse und gesamtgesellschaftliche Problemlagen, die Diskriminierung und Rassismus begünstigen, in der Diskussion um soziale Ungleichheit oft unberührt. Auch das Zusammenwirken mehrerer Diskriminierungsformen sowie die eigene Verstrickung in diskriminierende/rassistische Verhältnisse werden dabei nur wenig beachtet.
  • Die Ebene der institutionellen Diskriminierung wird häufig nicht bewusst ignoriert, es fehlt meist vielmehr an konkreten Bezugspunkten, Handlungsoptionen und Austausch, um die eigene ‚Empörung’ über strukturelle wie institutionalisierte Ungleichheitsverhältnisse auf die Situation in der direkten Nachbarschaft, im Viertel oder im Bezirk zu übersetzen, zu thematisieren und in eigenes Handeln zu überführen. Austausch- und Selbstermächtigungsprozesse werden zudem durch aktuelle bildungs-, integrationspolitische und sozialräumliche Prozesse erschwert. Diese tragen oftmals zur Entsolidarisierung und Konkurrenz in Bildungsräumen bei anstatt gegenseitiges Verständnis und einen gemeinsamen Einsatz für gleichberechtigtere Rahmenbedingungen zu stärken.

Mit unserem Projekt möchten wir an diesen Beobachtungen ansetzen und auf lokaler Ebene zusammen mit Einzelpersonen, Akteuren aus der Schule sowie lokalen Initiativen Ideen austauschen und (weiter)entwickeln, wie wir diskriminierende und rassistische Verhältnisse vor Ort, insbesondere im Kontext der Schule, thematisieren und gemeinsam dagegen aktiv werden können. Im Mittelpunkt des Projekts stehen u.a. folgende Fragen:

  • Welche behördlichen, statistischen, institutionellen, politischen Vorgaben und welche dominanten gesellschaftlichen Diskurse stehen hinter einem bestimmten diskriminierenden Sprechen und Handeln in Schule und im Lokalraum der Schule?
  • Wie äußern sich institutionelle (Mehrfach-)Diskriminierung und Rassismus konkret an Neuköllner und Kreuzberger Schulen und in dessen Umfeld; welche (unterschiedlichen) Erfahrungen sind damit verbunden?
  • Wie können diese Strukturen öffentlich thematisiert, kritisiert und Veränderung angeregt werden? Wie können die Anwohner_innen (Eltern, Schüler_innen, Pädagog_innen, Akteure aus Vereinen und Migrantenorganisationen) im Einzugsgebiet der Schulen in die Auseinandersetzung eingebunden werden?
  • Wie können bereits existierende Projekte und Initiativen in diesem Bereich breiter kommuniziert und miteinander vernetzt werden? Welche (zusätzlichen) Formen des Austauschs und des Handelns braucht es, um gemeinsam und solidarisch gegen institutionelle (Mehrfach-)Diskriminierung vor Ort vorzugehen?